„Ich mache das jetzt anders.“

Megalomania – Der Blick zurück nach vorn

 

„Megaaa!“ posaune ich in Dauerschleife während des Rundgangs durch Sophies Arbeits-und Werkstätte heraus. „Megaaa!“

 

Arbeitsstätte?

Das ist das Studio Farn. Ein Studio für Multidisziplinäres Design, das Sophie Döhler (Product) zusammen mit ihrem Partner in Crime Markus Lange (Graphic) in der Josephstraße in Plagwitz/Leipzig hat.

 

Sophie?

Ist selbst mega. Ein Mensch, bei dem man nicht anders kann als mitlachen, wenn sie lacht, weil es so ansteckend ist.

Und zudem ist sie der Kopf von Megalomania – Einem jungen Label, welches konsequent Nachhaltigkeit, Transparenz und Verfügbarkeit von Design umsetzt.

„…dem Ruf nach einer besseren Welt.“

Die Objekte umfassen Leuchten, Möbel, weitere Wohnaccessoires und eine wunderbare Taschen-Linie. Etliche Produkte (z.B. Leuchten aus Obst-und Gemüseresten oder Astmöbel) können zum selbst nachbauen als Open Source-Anleitungen auf der Webseite heruntergeladen werden.

Alles wird in kleiner Serie aus komplett organischen Materialien oder Dingen, die wir allgemein als Abfall bewerten, von Hand gefertigt.

Megalomania vereint also langlebiges, nachhaltiges, slow, open Design mit cradle-to-cradle-Anleihen. Puh! Wow!

(Cradle-to-cradle Anm.d.Red.: Produkte, die vollständig als organische oder technische Stoffe wieder in den biologischen oder technischen Kreislauf zurückgeführt werden können. Buchtipp: William McDonough & Michael Braungart: Cradle to Cradle)

 

„Öko“ wirkt trotzdem nichts. Ein weiterer Anspruch von Sophie: Ästhetik.

Mit einer Leichtigkeit berichtet sie von ihrer Arbeit und ihren nachhaltigen Ideen. Erst im Gespräch realisiert sich, dass das, was so spielerisch wirkt, ein komplexes Thema ist, welches nur extrem durchdacht und mit viel Beharrlichkeit und Willen umgesetzt werden kann.

„Mega“.

 

Woher bekommst du die Ideen für deine Arbeiten?

 

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Es gibt bei Megalomania verschiedene Kollektionen. Nehmen wir etwa die „Trash“-Kollektion. Sie besteht aus Materialien, die im häuslichen Müll anfallen. Schaut man sich den Haushaltsmüll an, ergibt das ein Riesenfeld an Werkstoffen,  mit denen man experimentieren kann.

Man überlegt sich: „Funktioniert das, was ich mir vorgestellt habe mit dem Material? Kann man damit was machen?“ Und dann wird das weitergesponnen und in Form gebracht.

Das Gleiche gilt auch für die „Take a Walk“-Kollektion. Sie besteht aus Fallholz für die Astmöbel, Findlinge als Mega-Brocken und die Wiesensteckleuchte.

 

Sophie führt mich rum und erläutert geduldig die Erstellung der einzelnen Artikel. Die Lampen sind mit Kupfer verkleidet, die sie aus Elektrokabeln herausschneidet. Dabei erfahre ich, dass es verschiedene Arten von Kupfer gibt. Feines, Grobes, chanchierend in hellen bis dunklen Rottönen. Auf einem eigens gebauten Gerüst werden dann die Fäden drapiert.

 

Man kann die Drähte ganz gerade machen oder sogar filzen. Dann bekommt es einen textilähnlichen Charakter.

 

 

Die Wiesensteckleuchten aus der „Talk a Walk“-Kollektion funktionieren wieder ganz anders. Die Grundform ist ein Kubus mit Löchern und einem Lampenset.

Dann hat man die Möglichkeit ihn mit allem zu bestücken, was man beim Spazierengehen findet.

 

Neben Deinen Open Source-Kollektionen hast du noch eine eigene Taschen-Kollektion, die es mir persönlich ja sehr angetan hat. Die „Sack&Pack“. Kannst Du mir darüber etwas erzählen?

Die „Sack&Pack“-Taschen bestehen aus 100% organischen Grundstoffen. Es werden keine tierischen oder künstlichen Materialien dafür verwendet. Also auch keine Knöpfe oder Reißverschlüsse. Trotzdem sind die Taschen voll funktional.

Die „Sacks“ bestehen aus einer Verbindung von Jute und Naturkautschuk, was sie robust und zugleich wasserabweisend macht. Die Jute wird dabei in verschiedenen Schichten von mir laminiert. „Sacks“ funktionieren als Tragetasche wie auch als Rucksack.

Das zweite Material, welches ich für die „Lappacks“ verwende, ist Korkleder. Korkleder ist ebenfalls sehr widerstandsfähig. Die Laptoptaschen werden individuell angefertigt. Man sucht sich ein Muster aus und bekommt für das jeweilige elektronische Gerät eine maßgeschneiderte Tasche. So kann man gleichzeitig verschiedene Änderungen vornehmen und Verschnitt-frei arbeiten.

 

(pics by Patrick Müßiggang)

 

Und wieso verwendest Du dafür genau diese Grundstoffe?

Mit der Taschenkollektion habe ich nach meinem Studium und dem Umzug nach Leipzig begonnen. Sie existiert etwa ein Jahr. Ich wollte einfach meine Ideen professionell aufziehen. Im wahrsten Sinne.

Ich überlegte: „Was sind Alltagsgegenstände? Was sind Produkte, die Menschen nutzen?“

Gerade Plastikbeutel und Rucksäcke, aus schädlich produzierten High Tech-Materialien, waren für mich immer ein Thema.

Also: „Wie haben Menschen das früher gemacht?“

In der Vergangenheit wurden viel mehr und viel schwerere Sachen transportiert. Man war obendrein nicht so mobil wie wir das heute sind.

Zuerst war folglich der Blick zum Ursprung. In diesem Falle waren das für Taschen damals einfache Jutesäcke. Ich versuchte also das in den modernen Alltag zu übersetzen.

Jute, Hanf und Kork sind alles organische Materialien, die jedoch formal so funktional sind, dass wir Sachen so transportieren können, wie wir für sie die heutigen Zeit brauchen.

Es war demnach klar: Die Taschen mussten wasserdicht und Fahrrad-tauglich sein. Das umzusetzen habe ich ja auch geschafft (grinst).

 

Jute und Hanfseil bezieht Sophie direkt aus Deutschland. Das Korkleder erhält sie aus Portugal, wo es für sie zur Weiterverarbeitung auf Jute gezogen wird. Alles nicht immer so einfach mit dem Finden von Lieferanten…

 

Die Materialrecherche ist auf jeden Fall einer der aufwändigsten Schritte und eine oft frustrierende  Arbeit bei der Erstellung einer Kollektion. Es gestaltet sich als extrem schwierig, weil es noch nicht verbreitet ist, was man für Ansprüche als nachhaltiger Designer hat. Der Markt ist dafür einfach nicht da. In den meisten Fällen wird nicht verstanden auf was man achten muss und Wert legt.

Ein Beispiel: Kleber.

Wenn es um Verbundmaterialien geht, wie etwa bei dem Jute-Kautschuk-Gemisch, will man natürlich keinen Stinki-Chemie-Klebstoff verwenden. Da muss man viel kommunizieren, sich durchsetzen und Verhandlungen führen, damit es nach den eigenen Ansprüchen umgesetzt wird. Und entweder es klappt oder es klappt nicht. Man muss schließlich auch für den Hersteller attraktiv bleiben, wenn er die Verarbeitung anders umsetzt als üblich. Indem man etwa eine größere Menge einkauft. Ein Geben und Nehmen halt.

Oder nehmen wir die „Trash“-Kollektion.

Die Hocker bestehen aus ausrangierten Konservendosen vom Hersteller, die massenweise auf der Schrotthalle liegen. Also wirklich massenweise. Sozusagen ein Berg voll Gold. Die darf ich mir dort direkt abholen.

Allerdings bekommen die Dosen von mir einen Naturkorken als Sitzfläche verpasst. Es war irre schwer einen Kork zu finden, der aus organischen Materialien besteht.

Der meiste Kork, den man erhält, besteht aus Granulat. Rinde wird gehäckselt und wieder in Form zu Platten gepresst. Der Verbundstoff, der diese einzelnen Körner dann zusammenhält, ist in den meisten Fällen irgendetwas Künstliches wie Silikon oder Acryl. Das muss man sich einmal vor Augen führen. Die Rinde wird vom Baum getragen, die Jahre braucht, bis man sie ernten kann. Ein tolles Naturmaterial. Und dann mischen sie es mit Plastik!

Letzten Endes habe ich einen Lieferant gefunden. Der Verbundstoff bei meinem verwendeten Kork ist ein reines Naturharz. Diese Art von Kork wird zum Beispiel auch in der ökologischen Architektur für die Dämmung verwendet.

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Wie fing es eigentlich an, dass du dich für nachhaltiges Design mit seinen zahlreichen Facetten interessiert hast?

Angefangen hat alles in meiner Zeit in Amsterdam, wo ich ein Praktikum im Bereich Social und Nachhaltiges Design gemacht habe. Während meines Bachelors an der Burg Giebichenstein in Halle begann ich dann mit der „Trash“-Kollektion.

Die Frage war „Wie kann ich mit verfügbaren Materialien, die zum Teil Müll sind, Dinge gestalten?“ Und zwar auf eine ästhetische Art und Weise. Trotzdem soll jedermann die Möglichkeit haben die Produkte selbstständig nachzubauen. Das waren schon damals die Ansätze und Fragen, die ich mir gestellt habe.

Daraus entwickelte sich auch die „Take a walk“-Kollektion. Das sind Materialien, die kein Müll sind, sondern einfach in der Gegend rumliegen. Etwa Fallholz oder Steine. Dekorative Strukturen, die es in der Natur gibt.

Design mit einfachen Mitteln umsetzen, damit es jeder für sich selbst nachmachen kann: Das fand und finde ich spannend. Dabei sind die Formen bei meinen Open Source Designs für jeden individuell anpassbar. Ebenso verhält es sich mit den Möbeln: Alles ist formal variabel. Die Anleitungen dafür kann man sich auf meiner Webseite herunterladen.

Weiterhin ist das eine Art Aufruf an die Leute da draußen sich wieder mehr kreativ zu bewegen und aktiv zu werden. Die Natur wieder mehr wahrzunehmen und ja, die Open Source- Kollektionen sollen auch gesellschaftliche Einfluss nehmen. Das sollte meiner Meinung nach gutes Design immer tun. (Kleine Pause) Im besten Fall! (Lacht)

 

War bereits im Studium für dich klar, dass Du Dich mit Deinem eigenen Label selbstständig machen willst?

Ja, das stand für mich früh fest. Schon nach dem Praktikum in Amsterdam wusste ich das.

Ich habe dann angefangen in Konzepten und Kollektionen zu denken. Vorgehensweisen entwickelt und wie man daran arbeitet. Nach dem Studium war so viel an Input da, dass wollte raus. Es war wichtig, dass erst einmal umzusetzen. Und es wird auf jeden Fall weitergehen mit Megalomania.

Natürlich ändern sich immer wieder Gegebenheiten. Ich kenne etliche Designer, die tolle nachhaltige Produkte machen und habe daher auch vor diese in meinen Kollektionen mit auf zu nehmen. Ich finde es spannend mit anderen Kreativen zusammen zu arbeiten. Das macht einfach Spaß.

 

Gibt es neue Projekte, die Du umsetzen willst und wirst?

Ja. Es wird demnächst Möbel, Leuchten und Taschen aus Leder geben. Das Leder muss dabei unbedingt Ausschussware sein.

In der Leder-Industrie wird bis zu 80% des Materials als „fehlerhaft“ benannt und aussortiert. Das ist eine unfassbare Menge. Es ist wichtig Möglichkeiten zu finden, dieses Leder weiter zu verwenden. Auch die Gerbung spielt eine große Rolle. Es muss unbedingt auf eine organische und nachhaltige Weise gegerbt sein. An dieser Umsetzung arbeite ich gerade.

Die Taschen werde ich, im Gegensatz zur „Sack und Pack“-Kollektion“, nicht selber fertigen. Es wird ein Entwurf von einer mir bekannten Designerin für Megalomania sein. Sie hat dafür bereits ein gutes upgecyceltes und vegetables Leder, dass sie für die Taschen verwendet. Die Leuchten und Möbel kommen von mir. Alle Produkte sind so gestaltet und konzipiert, dass das fehlerhafte Leder gut zu verwenden ist und kleine Makel nicht sichtbar sind.

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Das Thema „Nachhaltigkeit“  tritt verstärkt auf und scheint Trend zu werden, der öffentlichen Wahrnehmung zufolge. Merkst Du selbst als Designerin, die sich bereits seit langem damit beschäftigt, dass sich in dem Bewusstsein etwas verändert? Vor allem in Deiner Branche?

Mhhh…ich muss sagen, in der Design-Welt geht es die ganze Zeit hin und her. Es gibt unterschiedliche Strömungen. Da betrachten Personen die Do-it-Yourself und Upcycling machen ihre Welt, dann gibt es noch Cradle-to-Cradle. Das ist wieder etwas anderes. Es gibt das Open Design, was eher den sozialen Aspekt betrachtet. Selten existieren Designs, worin alles miteinander vereint wird. Mir ist es wichtig die positiven Aspekte dieser verschiedenen Richtungen zusammen zu bringen.

Viele Designer sagen „Wir verbinden Design mehr mit Handwerk. Wir möchten kleine Serien und keine Massen-Industrieprodukte mehr.“ Und es gibt die gegensätzliche Seite, die meint „Gutes und nachhaltiges Design muss massenhaft produziert werden, damit es für alle verfügbar sein kann.“ Unterschiedliche Ansichten aber keine klare eindeutige Bewegung.

Prinzipiell habe ich aber das Gefühl nachhaltiges Design wird immer mehr.

 

Last and least: Der Name. Megalomania bedeutet frei übersetzt „Größenwahn“. Wieso solch ein Name für ein Label, dass sich mit Minimalismus und Entschleunigung beschäftigt?

Der Größenwahn bezieht sich nicht auf die Produktionsweise. Der Name bezieht sich auf die Denkweise. Es geht darum, dass man gewisse Grenzen sprengen und anders denken muss. Das es einfach auch anders geht. Und vielleicht darüber hinaus, dass man einen gewissen Größenwahn braucht, um zu sagen: „Nö! So wie es bisher gemacht wird, geht es nicht mehr. Und ich mache das jetzt anders!“

Man benötigt bei nachhaltiger Arbeit zudem eine gewisse Art von Größenwahn. Man hat diese Ideen und überhaupt keinen Plan, was man dafür alles benötigt. Der Spielraum erscheint einen riesig. Und es gehört ordentlich Biss dazu, das zu realisieren.

Mir gefällt weiterhin die Betrachtung diesen doch oft negativ bewerteten Begriff mit etwas Positivem prägen zu können.

Denn das Wort ist einfach schön!

 

Liebe Sophie, ich habe viel gelernt und bedanke mich für deine Zeit und Worte.

 

Wenn ihr Euch die Sachen von Megalomania und den anderen Designern im Studio Farn anschauen möchtet, könnt ihr dies jeden Dienstag, Donnerstag und Samstag von 13 bis 18 Uhr im Pop-Up Store direkt vor Ort.

 

Bis nächste Woche,

 

FRideinspiration, graphic design

 

 

 

 

2 thoughts on “„Ich mache das jetzt anders.“

  1. Ich finde den Beitrag richtig gelungen und hoffe, dass sich viele die Zeit nehmen den gründlich zu lesen! Endlich kann man einen Blick hinter die Kulissen erhaschen. Es ist einem ja doch viel zu wenig bewusst wo Rohstoffe herkommen und wie schwierig es ist diese in einer vernünftigen und umweltfreundlichen Qualität zu erhalten. Weiter so!

    1. Lieben Dank Sarah, genau das empfinde ich auch so! Es ist immer wichtig zu hinterfragen. Auch wenn es das Leben nicht unbedingt leichter macht. Und so Menschen wie Sophie, die es dann besser machen wollen und auch noch umzusetzen verstehen = BIG like!

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