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Interview mit Soli-RAD-isch

I want to ride my bicycle

 

„Fair“ ist nicht nur mit diesem Wort etikettierte Artikel zu erwerben oder dem Berliner Hipster wegen seiner 90Jahre-Frisur KEINE zu zimmern, weil die Migräne plagt. „Fair“ ist viel mehr:

Es ist auch Wissen und Fähigkeiten, die man hat an Menschen weiterzugeben und mit ihnen zu teilen. So machen es beispielsweise die Mitglieder von Soli-RAD-isch.

Die mobile Fahrradwerkstatt im Magdeburger Stadtteil Stadtfeld gibt Hilfe zur Selbsthilfe und sorgt darüber hinaus dafür, dass weniger privilegierte Menschen sich mit dem Besitz eines Fahrrads mehr Unabhängigkeit verschaffen können.

So ist ein Ziel die Mobilität von Flüchtlingen auszubauen. Dafür sammeln Soli-RAD-isch, welches als Projekt der BUND Jugend Sachsen-Anhalt angegliedert ist, nicht gebrauchte Fahrräder und verteilen sowie reparieren sie zusammen mit den Neubesitzern an bestimmten Terminen.

Bei so einem Termin war ich vor Ort und habe die Jungs befragt. Da die Ausgabe und Reparaturen zeitgleich waren, wurde es ein interessantes wie gleichermaßen turbulentes Gespräch. Beim späteren Transkribieren des Interviews musste ich auf jeden Fall ein paar Mal schmunzeln über die Konservationen im Hintergrund. Kommunikation ist nämlich ein weiteres Thema. Daher lass ich an dieser Stelle auch Florian Hoffmann von Soli-RAD-isch zu Wort kommen.

 

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Nochmal mit eigen Worten: Was macht Soli-RAD-isch?

Soli-RAD-isch ist eine mobile Fahrradwerkstatt in Stadtfeld Ost in Magdeburg. Existiert seit 1,5 Jahren und unser Ziel ist es kostenlose Mobilität für alle, die es sich nicht leisten oder sich nicht selber helfen können zur Verfügung zu stellen. Und auch Hilfe zur Selbsthilfe zu geben, damit die Leute sich selber ermächtigen für ihre Mobilität zu sorgen.

 

Gab es Vorbilder für dieses Projekt?

Vorbilder kann ich dir jetzt nicht direkt nennen, aber es gibt ähnliche Initiativen in anderen Städten und auch im Süden von Magdeburg gibt es eine Fahrradwerkstatt, wo es Hilfe zur Selbsthilfe gibt.

 

Wie groß ist Euer Team bei Soli-RAD-isch?

Zu den Schrauber-Terminen kommen drei Feste von uns. Im Weiteren Kreise ist Ralf von der Emma dabei, Björn von der BUND Jugend und dann haben wir noch weitere Unterstützer im Infoladen und im Heizhaus.

 

Aus deiner persönlichen Sicht: Was ist dein Antrieb bei diesem Projekt?

Mhh, du willst vermutlich einen Punkt hören aber den kann ich echt nicht nennen. Ich bin einer von diesen vielgescholtenen Kampfradlern und bin damit vollkommen überzeugter Radfahrer. Ich denke, dass dies auch die Mobilität der Zukunft in Städten ist. Schau dich einfach mal um. Wir sehen hier Kopfsteinpflaster und vor uns drei Fahrräder aber wir sehen (beginnt zu zählen) 25 Autos. Dieser Konflikt, dass die Städte nicht bereit sind eine ordentliche Infrastruktur zum Radfahren anzubieten, die damit verbundenen Gefährdungen im Straßenverkehr – Für mich ist es eine Triebfeder mehr Fahrräder auf die Straße zu bringen. Zudem bin ich ziemlich Öko und die BUND Jugend auch. Das heißt, wenn wir Ressourcen schonen können und alte Fahrrädern aus Kellern nehmen, haben wir einen Beitrag geleistet.

Teilweise kommt eine Oma zu uns mit ihrem MIFA Klappfahrrad, für das wir noch Ersatzteile auf Lager haben. Im Laden haben sie ihr für die defekte Narbe ein teures E-Bike empfohlen. Das kann sie sich nicht leisten und da ist es für uns ein Anliegen alte Dinge in Stand zu setzen und zu nutzen.

Dann ist es auch eine Gerechtigkeitsfrage. Fahrrad fahren kann fast jeder und es kann fast jeder sich eins leisten. Eine Großmutter oder ein Kind, wo die Eltern nicht finanziell gut aufgestellt sind und die sich dies nicht leisten können, denen helfen wir. Wir geben ihnen keine Fahrräder, wo es keinen Spaß bringt damit zu fahren und sie kommen damit von A nach B. Fahrrad fahren als selbstverständliche Mobilität sozusagen. Und natürlich auch der Integrationsaspekt. Was nützt es sich jeden Abend vor den Fernseher zu setzen und sich aufzuregen? So kann man sich engagieren und somit zumindest Teil des Stadtviertels sein. Also, sich auch selbst integrieren.

 

Um den Lesern einen Einblick zu geben: Wie läuft so ein typischer Termin bei Soli-RAD-isch ab?

Wir treffen uns alle ein bis zwei Wochen in Stadtfeld Ost an den Standorten Heizhaus, Infoladen oder Emma zu bestimmten vorher angekündigten Terminen von 15.00 bis 18.00. Im Vorfeld wurden bereits Nummern an die Menschen vergeben. Dann stellen wir uns draußen vor die Tür und sagen den Leuten, wieviel Fahrräder wir zu vergeben haben. Das sind Räder, die mit kleinen Reparaturen noch an dem Tag fahrtauglich gemacht werden können. Die Reihenfolge der Vergabe beginnt mit der niedrigsten Nummer und diese Person darf sich ein Fahrrad aussuchen. So geht es dann weiter. Wir haben dieses System, weil es einfach sonst zu viel Trubel wäre.

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Haben wir alle Fahrräder ausgegeben, wird zusammen mit den Personen, die gekommen sind und nur Reparaturhilfe brauchen, geschraubt. Zum Schluss kriegen wir jedes Mal alle Fahrräder fertig und sind immer total baff, was wir da alles geleistet haben. Häufig entsteht am Anfang etwas Chaos und herrscht Unsicherheit vor: „Soll ich jetzt hier wirklich selbst an meinem Fahrrad schrauben?“ Wenn man dann eine halbe Stunde später rein kuckt in die Gruppe hat jeder ein Werkzeug in der Hand, wird miteinander geredet und erklärt.

 

Hier auf dem Hof stehen die Fahrräder für den heutigen Termin. Wo bekommt ihr diese überhaupt her? Sind das alles Sachspenden?OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Es gibt zum einen viele Privatspenden. Wir sprechen auch Freunde, Bekannte oder Mieter in Mehrfamilienhäusern direkt an in ihren Kellern nach ungenutzten Fahrrädern zu schauen. Dafür haben wir einen Zettel angefertigt, den man ausfüllen kann und dann etwa schreibt: „Wir haben im Haus unten ein Kinderrad ohne Sattel und mit einem Platten.“ Dann hängt man den Zettel für zwei Wochen ins Treppenhaus und es kann angekreuzt werden Soll hier bleiben oder kann gespendet werden. Im letzteren Fall holen wir dann nach Ablauf der Frist die Fahrräder ab.

Des Weiteren sind es Netzwerke, die wir nutzen und Mund-zu-Mund-Propaganda.

Aber auch auf die Stadt Magdeburg, die Universität oder die Abfallbetriebe sind wir zugegangen. So hat die Stadt Magdeburg uns die Fahrräder gespendet, die nicht für ihre Fahrradauktion geeignet waren und bei denen noch Reparaturbedarf bestand.

Oder das City Carré (Anm.d.Redaktion: Einkaufscenter am Hauptbahnhof) hat uns Räder gegeben, die vom Gelände entfernt wurden, weil sie nicht in Benutzung waren.

 

Und wie ist es mit der Bekanntmachung eures Projekts von der anderen Seite betrachtet? Wie geht ihr auf die Menschen zu? Wie verbreiten sich die Information zu den Terminen, deren Nutzen und Ablauf?

Das funktioniert prima über den Austausch der Menschen miteinander. Meistens ist der Andrang größer als das Angebot. In unserer syrischen Gemeinschaft haben wir auch direkt ein paar Ansprechpartner, wovon einige wirklich fit beim Übersetzen sind. Einer ist sogar Fahrradmechaniker. Sie helfen uns unwahrscheinlich. Wir haben also nicht nur Live-Übersetzer wie hier heute, sondern wir haben auch Personen, denen wir Texte schicken und die diese für uns übersetzen.

 

Apropos Kommunikation: Gibt es Verständigungsschwierigkeiten und falls dem so ist, wie löst ihr diese Schwierigkeit?

(Lacht laut) Ja, die gibt es auf jeden Fall aber wir lösen die irgendwie. Das ist manchmal ganz lustig. Es gibt zum Beispiel Nuhr. Er ist erst sieben Monate im Land, spricht aber bereits fast fließend deutsch. Oder der syrische Mechaniker fragt immer nach den deutschen Wörtern für die einzelnen Teile. „Was heißt Schraubenschlüssel?“ „Was heißt Sattel?“ Ansonsten zum Teil mit Händen und Füßen. Manchmal ist auch gar keine Kommunikation möglich. Dafür haben wir dann die Übersetzer. Aber deutsch und englisch ist bei den Meisten schon soweit vorhanden, dass man z.B. sagen kann, „Das ist dein Fahrrad.“ oder „Hol mal die Luftpumpe.“ Eine andere Idee wäre natürlich so etwas wie Verkehrserziehung zu machen. Das können wir aber bis auf z.B. die Ausgabe von Flyern mit den wichtigsten Regeln in den verschiedensten Sprachen vom ADFC nicht abdecken. Wir haben im Kern genug zu tun. Es ist auf jeden Fall noch Potential da.

Wir merken aber, dass die Leute sprachliche Fortschritte machen. Vielleicht ist es auch darüber hinaus nur, dass dies ein offener Treffpunkt ist, um zu kommunizieren und sich auszutauschen. So wie zum Beispiel du uns gerade besuchen kommst.

bikes

 

Du hast gerade von Potentialen gesprochen. Was wollt ihr noch erreichen und was fehlt euch noch bei Eurem Projekt?

Unser absolutes Ziel wäre es, dass jeder mobil ist. Nicht wie heute nur geflüchtete Menschen, sondern das jeder sein Fahrrad reparieren kann. Das wirklich jeder ein Rad zur Verfügung hat oder zumindest ein Leihrad und sich die Leute auch wirklich trauen, und sei es mit einem YouTube-Video, selbst etwas zu reparieren und nicht vor hohen Preisen mancher Werkstätten zurückschrecken. Das ist so die ganz große Vision. Wie kommen wir von Soli-RAD-isch da weiter hin? Wir bauen weiter die Kanäle aus wie wir an Spenden und Fahrräder kommen. Etwa unsere Better Place-Kampagne. Wir bewerben uns für Preise und schreiben Förderanträge, um Gelder zu generieren.

 

Wie gestaltet sich Eure momentane Finanzierung?

Im Moment haben wir Buftis, die von der BUND Jugend finanziert werden. Ansonsten werden wir unterstützt indem uns die drei Standorte Lagerräume zur Verfügung stellen. Und das war´s.  Wenn man bedenkt, dass so ein Termin ungefähr 50 EUR verursacht für Öl, für eine neue Kette, für WD 40 (Anmerkung der Redaktion: Kriechöl) dann weiß ich überhaupt nicht wie wir das bisher gepackt haben. Ich bin allerdings auch nicht für die Finanzen zuständig.

Wir haben bereits Spenden bekommen, wie von den GRÜNEN Magdeburg, die uns sehr geholfen haben. Jetzt haben wir noch von der Drogeriekette DM einen Engagement-Preis erhalten und der ist mit 1000 EUR dotiert. Es gab ein riesiges Soli-Konzert. Eine ganz große Geschichte in der Freiluft Graffiti Arena „Aerosol“ in Rothensee. Viele Fahrradläden haben uns Fahrständer geliehen, der Infoladen oder auch die Critical Mass haben uns unterstützt, um hier einige Förderer zu nennen.

 

Und was geschieht gerade noch konkret an Neuem?

 Wir werden eine Werkstatt eröffnen im Oktober. Alle sind natürlich herzlich zur Eröffnung eingeladen. Diese ist auch in Stadtfeld Ost. Wir haben gestern noch verputzt und sie wird bald fertig sein. Dort wollen wir zu festen Zeiten und unter professionellen Bedingungen arbeiten. Denn jetzt liegt und steht das Werkzeug am Boden, was auf Dauer auf Knie und Rücken geht. Deshalb sammeln wir auf „Better Place“  u.a. für ein großes Werkzeug-Set. Wenn wir das haben, werden wir zwar die mobile Werkstatt beibehalten aber das Tempo rausnehmen. Dafür möchten wir in andere Stadtteile fahren. Das schaffen wir momentan nicht, wollen wir aber unbedingt realisieren. Es existieren so viele Möglichkeiten: Die Universität, andere Familienhäuser oder Selbsthilfewerkstätten, Schulen oder Krankenhäuser, wo wir den Leuten zeigen könnten wie sie ihre Räder richtig aufpumpen oder was sie selbst reparieren können. Momentan brauchen wir jedoch nicht nur Spendengelder, sondern auch Menschen die Lust haben mitzumachen.

 

Na, dann nehme ich das hier mal als Aufruf. Gibt kein Geld aber gutes Karma, oder?

(Beide lachen) Genau! Es gibt vor allem sehr, sehr viel Freude, manchmal traurige aber auch schöne Geschichten und viele Kontakte. Und man kann selber sein Know How verbessern, wenn man mit Profis arbeitet, die einem z.B. zeigen wie man ein Innenlager austauscht oder wie man eine Gangschaltung richtig einstellt. Ich kenne etliche Menschen, die sind begeisterte Fahrradfahrer, haben ein tolles Rad aber sie können die Schaltung nicht korrekt einstellen. Konnte ich zugegebenermaßen vorher auch nicht. Ich habe mich am Anfang auch etwas blöd angestellt einen Reifen zu wechseln. Da kam der syrische Mechaniker und hat mir gezeigt wie man das zack, zack machen kann. Er erledigt das in 20 Sekunden. Dieses gegenseitige Lernen, Zukucken, Zeigen, das ist hier möglich.

Aber um auf das Eigentliche zurückzukommen. Wenn wir Leute finden, die sich irgendwie in das Projekt einbringen, vielleicht gern am Computer was machen, die gern schrauben oder mit dem Lastenrad durch die Stadt fahren und die Spendenräder abholen usw. können gern zu uns kommen.

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Was benötigt man neben Werkstattset und Manpower weiter für den Erhalt eines solchen Projekts?

Wir haben definitiv Kosten und wir sind halt auf das Engagement angewiesen. Der Staat hat halt nicht die Möglichkeit bzw. er realisiert sie nicht, dass man Leuten wie uns eine strukturelle Unterstützung geben kann. Man ist aber darauf angewiesen. Man schreibt halt Mails und spricht mit den zuständigen Personen, aber es kommt nichts zurück. Obwohl jedem dem man von Soli-RAD-isch erzählt, meint „Ach, wie wunderbar.“. Das ist halt schon traurig, denn es geht ja nicht nur ausschließlich um Mobilität, sondern auch um Kommunikation und Sprache. Es gibt nichts an dem Projekt anzusetzen, ist aber bisher nur aus Eigeninitiative zu betreiben. Deshalb wollen wir in der „Better Place“-Kampagne zeigen, was wir wirklich für Kosten haben und wofür wir das Geld brauchen. Der politische Wille ist nicht zu sehen, das auf solide Füße zu stellen, weshalb wir die eigene Werkstatt machen und uns damit dauerhaft unabhängig zu halten.

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Oh, jetzt geht es los. Ich danke dir für das Interview.


 

Tja, ihr habt gelesen, wie man einfach mit Engagement Gutes bewirken kann, welche Schwierigkeiten es jedoch gibt.

Deshalb ist hier jeder Cent und Einsatz gut investiert.

Also nochmal: Die Better Place Kampagne findet sich hier.

Zum Mitmachen einfach an Soli-RAD-isch oder die BUND Jugend wenden.

Abschließend möchte ich mich noch einmal bei den freundlichen Mitarbeiter von Spielwagen e.V.  bedanken, die mir so wunderbar bei meinen Vorabfragen geholfen haben (und die BTW auch noch andere tolle Projekte beherbergen und initiieren.)

 

Und denkt dran: Fietsen fetzt!

Fride

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