Anja und ihr MIMA

Sich ins Geschirr legen

 

Geschmackvoll und ästhetisch sind nicht gerade die Attribute, die man mit meinem Einrichtungsstil verbinden würde. „Ikea meets Flohmarkt und zwischendrin viel Bücher und Stoff“ trifft es wohl am Ehesten.

Doch obwohl ich gern mal meine Witze über „für Tumbl inszenierte Mädchenzimmer“ mache, im Grunde bin ich fasziniert und unterdrückt neidisch auf Menschen mit Sinn und Händchen für das Schöne.

Und noch mehr bin ich von Menschen angetan, die aus eigener Kraft und als Einzelperson etwas auf die Beine stellen, bei dem man Herzblut spürt und nicht die Jagd nach Selbstoptimierung und Erfolg. Im MIMA in der Josephstraße 40 in Plagwitz spürt man nicht nur Herzblut, man sieht es sogar.

MIMA Label

 

In dem Vintage Lädchen finden sich neben Dingen, die die Lebensumgebung veredeln noch Kleidung, Karten, Notizbücher und weitere Accessoires. Auf nur wenigen Quadratmetern gibt es viel und viele Details zu entdecken. Ein entspanntes Stöbern fördert des Weiteren die Tatsache, dass dort auch Warmgetränke genossen werden können.

Die MIMA-Besitzerin Anja Skonieczny ist eine ziemlich gescheite, tatkräftige und kreative Frau, wie ich bei dem Interviewtermin feststellen konnte. Bereits seit einigen Jahren redesignt sie aus altem Geschirr neue Gegenstände. Doch lest und schaut selbst.

 MIMA Theke

Anja, wenn du dich, deine Arbeit und deinen Laden in knappen Sätzen beschreiben müsstest – was würdest du sagen?

Ich heiße Anja und bin die Inhaberin vom MIMA Vintage Lädchen. Wohne und arbeite seit drei Jahren in Plagwitz und Lindenau. Und das MIMA Vintage Lädchen ist mein Herzensprojekt. Es ist eine Mischung aus Kunst- und Kreativhandwerk und kleinem Vintage Spiddel. Zum großen Teil Sachen, die ich selber herstelle aus alten Geschirren, wie etwa Wohnaccessoires und Schmuckstücke.  Und zum anderen Sachen von Leipziger und überregionalen Künstlern.

Ich würde gern zu Beginn über deine eigene Arbeit sprechen. Altem Geschirr eine neue Form und Funktion zu verleihen, das ist selbst im Kunsthandwerk nicht so alltäglich. Wie kam es dazu, dass du gerade diese Gebrauchsgegenstände für dich entdeckt hast?

(Lacht und überlegt kurz.) Auf die Frage gibt es eigentlich keine so spannende Antwort. Ich habe schon immer gern mit Alltagsmaterialien gearbeitet, viel ausprobiert und schnell Bilder und Ideen im Kopf, wie man dies umfunktionieren kann. Früher habe ich zum Beispiel viel mit Holz gemacht.

Die Anfänge der Geschirre lagen bei meiner Oma. Sie hatte ein relativ großes Sammelsurium an Tassen. Und diese Ästhetik und Schönheit von Geschirren, die habe ich schon immer empfunden. Ich hatte schon immer eine Lieblingstasse für den Kakao und eine für den Tee. Dann die Lieblingsschüssel für den Gurkensalat, wobei ich denke, dass vermutlich nicht jeder so speziell Wert darauf legt, dass der Gurkensalat in einem bestimmten Schälchen landet. Da gab es halt immer diese Muster, Farben, Formen und bei meiner Großmutter sind deshalb vermutlich auch die Ursprünge zu finden. Nachdem sie verstorben war, habe ich einen Teil von ihrem Bestand übernommen und konnte für den Hausgebrauch nicht alles verwenden. Zum Einstauben war das Geschirr aber einfach zu schade und so habe ich dann irgendwann angefangen diese um zu modellieren. Begonnen habe ich mit den „Tele-Lieblingsständern“, den Etageren.

Beim Bohren, Schleifen und Rumexperimentieren ging natürlich einiges schief. Bei den entstandenen Scherben dachte ich „Och, das ist eigentlich auch zu schade, um die jetzt wegzuwerfen.“ Und durch das Spielen mit dem was da war, sind dann wieder neue Ideen gewachsen.

 

 

Und wie wurde es dann zur Profession? Hast du irgendetwas in dieser Richtung studiert oder eine handwerkliche Ausbildung absolviert?

Nein, überhaupt nicht. Ich habe Facility und Immobilien Management studiert, hab auch eine Zeit lang in dem Bereich gearbeitet. Meine Leidenschaft war aber schon immer das Handwerkliche. Und seitdem ich denken kann, hatte ich auch den Wunsch und das Ziel einen eigenen Laden zu haben. Im Vordergrund stand damals noch der Café-Gedanke. Ich wusste aber auch, dass ich nicht nur Kaffee verkaufen möchte, sondern das da noch mehr sein sollte. Das liegt vermutlich auch daran, dass mir schnell langweilig wird und ich mir immer genug Freiraum und Polster schaffen muss, dass ich ausbauen und erweitern kann ohne das es auf einmal die Philosophie von dem Angefangenen sprengt.

Irgendwann war eine Schmerzgrenze in meinem Job erreicht, dass ich dachte, das raubt dir so viel Energie, dass du in deiner Freizeit gar nicht mehr dazu kommst, dass zu machen, was du wirklich gern machst. Ich habe dann begonnen, meinen Hauptjob hinten an zu stellen und meine Zeit auf das kreative Schaffen verlagert. Im Nebenerwerb habe ich dann das MIMA als Label aufgebaut, viel ausprobiert und geschaut „Kommt das überhaupt bei den Leuten an, was du dir da ausdenkst oder findest nur du das klasse?“ Das war erst einmal ein Herantasten. Ich habe dann gemerkt, dass das gut angenommen wird und mich letzten Endes von meinem alten Laster befreit und mich nur noch dem MIMA gewidmet. Und irgendwann ist es zum MIMA Vintage Lädchen gewachsen und beinhaltet nicht nur meine Sachen, sondern ein Gesamtkonzept.

 

Das Geschirr? Wo bekommst du das her? Was sind deine Quellen?

Kerngedanke und Arbeitsprinzip ist der des Upcyclings. Also, dass ich die Geschirre nicht teuer einkaufe, sondern wirklich versuche mit den Sachen zu arbeiten, die keiner mehr haben möchte. Einen Teil habe ich geschenkt bekommen von Leuten, die mitbekommen haben was ich mache, die selber keine Verwendung für ihre Geschirre haben und sich freuen, wenn sie ihre Sachen noch einer guten Verwendung zukommen lassen können. Natürlich sortiere ich noch einmal aus, was für mich passt. Was ich nicht benutze, verschenke ich weiter. Ein anderer Teil sind Flohmarktbestände. Dort finde ich immer mal wieder kleine Schätze.Telelieblingsständer

 

material Anja in ihrer Werkstatt

Wie gehst du dann ans Werk? Hast du eine feste Idee, die du umsetzt oder ist der Prozess eher umgekehrt? Du siehst ein bestimmtes Stück und dann kommt dir die Idee, wie man es umgestalten kann.

Eigentlich bekomme ich meine Inspiration durch den Alltag. Also durch das Machen. Das Ausprobieren. Manchmal ist es so, dass ich Geschirre sehe und denke, daraus kannst du schöne Schmuckstücke machen. Einfach, weil ich dann bereits ein bestimmtes Bild davon im Kopf habe. Ich arbeite gern mit floralen Motiven. Manchmal habe ich aber auch eine Idee zu einem neuen Produkt, dass ich umsetzen möchte. Dann kucke ich mir an, was sich dafür eignet.

 

Wie lange brauchst du von der Idee zur Umsetzung?

Fingerspitzengefühl

Das geht von jetzt auf gleich, weil ich unglaublich ungeduldig bin. Das ist nicht immer vorteilhaft. In manchen Fällen wäre es gut auch noch mal eine Nacht darüber zu schlafen und nicht direkt in die Vollen zu gehen. Wenn ich aber eine Idee habe, will ich die auch sofort umsetzen und weiterentwickeln. Das kann ich nicht aufschieben. Wenn ich das Ergebnis im Kopf habe, will ich es dann auch in den Händen halten. Das sind die Momente, wo auch mal etwas schief geht aber allzu viel geht nicht mehr zu Bruch.

 

Was ist das Schwierige und im Gegensatz dazu das Schöne mit Keramik und Co. zu arbeiten?

Das Schwierigste ist die Formgebung. Gerade bei Schmuck. Die Form, die man im Kopf hat auch herauszuarbeiten, da es ein unglaublich festes Material ist, welches sich relativ schwer bearbeiten lässt. Das heißt, die Stücke kontrolliert zu brechen und zu schleifen. Man muss viel Ausprobieren, welche Werkzeuge überhaupt geeignet sind und sich aus anderen Bereichen Ideen holen, womit man vielleicht arbeiten kann. Das ist mitunter vor allem Kräftemäßig anstrengend.

Das Schöne ist vermutlich wie bei jedem Projekt: Wenn die Drecksarbeit getan ist, es um den Feinschliff geht und man am Ende das fertige Stück sieht. Das sind die besten Momente.Pippi

 

Wie wurde dann aus den MIMA – Sachen zusätzlich noch der Laden MIMA?

Das MIMA Vintage Lädchen gibt es seit April 2016. Wie bereits gesagt, die Idee vom eigenen Laden ist sehr alt. Nur bin ich kein besonders risikofreudiger Mensch, wenn es darum geht, Geld auszugeben, dass ich nicht habe (lacht). Ich habe das MIMA ganz organisch wachsen lassen mit den Mitteln, die ich gerade zur Verfügung hatte. Habe aber schon langfristig auf das Ziel hingearbeitet einen eigenen Laden zu unterhalten. April 2016 stand jedoch nicht auf der Agenda, sondern es hat sich dann kurzfristig ergeben. Ich habe hier in der Josephstraße vorher schon hinten meine Werkstatt als Untermieter gehabt. Die Fläche vorne wurde von einem Hauptmieter für Ausstellungszwecke bespielt. Er konnte damit den Laden allerdings nicht halten und musste mir dann mitteilen, dass ich mir eine neue Werkstatt suchen müsste. Na gut, dachte ich, da kannst du deine Geschirre packen und wieder was Neues suchen. Was in Leipzig mittlerweile auch gar nicht mehr so leicht ist. Oder du kannst jetzt mal kucken, was dir das Leben da gerade vor die Füße schmeißt und versuchst es mit dem eigenen Laden.

Dann hatte ich so ungefähr acht Wochen Zeit, um den Laden zu eröffnen und die erste Miete zu bezahlen.

  Stuff

Das ist ziemlich sportlich. Gab es bis zur Eröffnung ein paar kleinere oder größere Katastrophen und möchtest du darüber reden?

Anja (lacht laut): Mittlerweile ist genug Zeit vergangen. Ich glaube kleine Katastrophen gehören immer dazu. Gerade wenn es einen Zeitplan gibt. Das was mir tatsächlich die meisten Nerven gekostet hat, ist der Boden im MIMA. Vorher waren das nur Pressspanplatten mit weißer Wandfarbe bemalt. Ich finde aber so ein Echtholzboden macht ganz viel mit einem Raum. Er schafft eine schöne Atmosphäre, Gemütlichkeit und ist langlebig und nachhaltig. Deswegen war dies etwas was ich unbedingt umsetzen wollte. Dies war aber auch das Einzige, wo ich wusste, ich kann dies nicht allein bewerkstelligen. Also habe ich eine Firma beauftragt. Allerdings war ich mit der Versiegelung nicht zufrieden und es waren nur noch zehn Tage bis zur Eröffnung des Ladens. Das mündete letzten Endes damit, dass ich noch zweimal versiegelt habe. Bis ich merkte, das bringt auch nichts und ich den Boden noch einmal abgeschliffen habe, um ihn danach zu ölen. Ich habe also eine Woche komplett auf Knien verbracht. Da hatte ich wirklich kein Bock mehr (lacht wieder).

 

Über den Namen haben wir noch gar nicht gesprochen. Was bedeutet MIMA überhaupt?

Wenn man sich überlegt: Okay, du willst jetzt dein eigenes Projekt starten, dann braucht es einen Namen. Dann habe ich tagelang damit verbracht einen Geeigneten zu finden. Bis mir irgendwann einfiel: Eigentlich trifft es Misch Masch. Ich wollte mich nicht auf eine Sache eingrenzen und wusste, dass es vielfältig wird. Zu dem Zeitpunkt war aber noch nicht absehbar, dass es ein Laden mit unterschiedlichem Kunsthandwerk wird. Im Nachgang war dies eine gute Entscheidung, da Misch Masch ja passend ist. Irgendjemand formulierte dann einmal MIMA und ich dachte mir: Stimmt. Das ist ganz griffig. Und dann war es nur noch MIMA.

MIMA unten MIMA Kräuterstecker Clothes

Im MIMA Vintage hast du noch weiteres Kunsthandwerk und Design. Wie kam es zu diesen Kooperationen?

 Es waren größtenteils Leute, die ich zwar bereits von einigen Märkten her kannte oder gesehen hatte, zu denen ich allerdings keine enge Beziehung hatte. Ich wusste aber welche Themen ich in meinem Laden haben möchte und auch langfristig haben möchte. Deshalb war es mir auch wichtig auszusuchen, wen ich drin habe. Und mir war es auch wichtig, dass es menschlich passt. Und so ist das dann gewachsen. Ich habe die Personen angesprochen und größtenteils auch mit ins Boot bekommen. Mittlerweile sind daraus freundschaftliche Verhältnisse entstanden. Und so werde ich das auch weiterhin machen, denn es gibt noch ein, zwei Themen, die ich gern hier hätte. Ich finde etwa zum Beispiel den Papeterie-Bereich ziemlich spannend und weitere Wohnaccessoires. Ich lasse mich aber auch gern inspirieren von dem, was mir über den Weg läuft.

Das MIMA entwickelt sich auf jeden Fall noch weiter und ich bin selber gespannt, wer hier noch einziehen wird.

 

Was kannst du bisher über deine Kunden sagen? Gibt es da einen typischen MIMA-Käufer und Käuferin?

Ja, schon. Es sind irgendwie Ästheten. Also Menschen die Handarbeit und nachhaltige Produkte auch wertschätzen können. Die sich bewusst dazu entscheiden für solche Dinge Geld auszugeben und dafür etwa weniger in der Innenstadt bei großen Discountern einzukaufen. Und die Lust haben Produkte zu unterstützen bei denen sie wissen, dass sie fair produziert sind, dass sie regional sind und die auch das Persönliche hier schätzen. Man tauscht sich aus und erzählt ein wenig und das macht es auch für die Kunden besonders.

MIMA oben

Kunst in the pocket Postcards from LE Men stuff Interior

Was wären deine Wünsche, Träume oder Ziele für das MIMA aber auch für dich?

 Ein Ziel ist es natürlich erst einmal den Laden ein Stück weit bekannter und erlebbar zu machen. Ihm aber auch Zeit geben zu wachsen und das Sortiment zu erweitern. Für Ende des Jahres plane ich etwa ein bis zwei Veranstaltungen, um den Menschen eine Chance zu geben, das MIMA auf eine andere Art und Weise kennenzulernen.

Bei den Wünschen zu mir selbst, muss ich sagen, ganz viel Anja ist das MIMA. Darüber hinaus relativ banale Sachen. Ich wünsche mir eine Wohnung mit Balkon und ein Badezimmer mit Badewanne (schmunzelt).

 

Liebe Anja, ich bedanke mich für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg mit deinem kleinen Kiez-Juwel MIMA.Teddy Ende

 

 

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