Bridge&Tunnel

Miteinander vernäht

 

Seitdem ich denken kann, bin ich von Mode, ihren kulturellen und gesellschaftlichen Codes, Ausdrucksmöglichkeiten und Funktionsweisen fasziniert. Taschen stehen dabei ganz oben auf meiner Liste und ich zähle sie zu meinen Lieblingsaccessoires.

Ich habe viele Taschen. Unglaublich viele Taschen. Alle Arten von Taschen. Taschen können jedes Outfit aufwerten und verstauen gleichfalls alle relevanten Gegenstände. Taschen for president!

Ich habe mich, um mir eine bestimmte Tasche finanzieren zu können, schon einmal einen kompletten Monat von Käse-Brötchen ernährt. Und ich würde es jederzeit wieder tun!

Jedoch: Was nützt einem das schönste Stück, wenn es zwar die eigene Erscheinung ästhetisiert, aber im Gebrauch unpraktisch ist (eine Clutch ohne Handhenkel? Undenkbar!) und/oder minderwertige Qualität aufweist?

Zudem wird es für mich immer wichtiger, dass die Dinge, die ich an und bei mir trage auch fair und nachhaltig gefertigt werden. Das gelingt mir noch nicht immer, aber ich bin auf einen Weg dahin und den dürft ihr hier ja auf FRide auch begleiten.

 

Label to Watch „Bridge&Tunnel“

 

Das Hamburger Social Design Label Bridge&Tunnel entdeckte ich auf Instagram. Zeitlose und gleichzeitig moderne Entwürfe bleiben mir immer im Gedächtnis und so begann ich zu recherchieren.

Bridge&Tunnel vereint Soziales, Nachhaltiges und Vielfältiges und sagt von sich selbstbewusst „We design society“.

Ein guter wie passender Slogan. Denn das im Stadtteil Wilhelmsburg ansässige Label produziert ausschließlich vor Ort mit einem Team von Frauen, die es auf Grund verschiedenster Umstände (Herkunft, Alter, keine anerkannte Ausbildung, Fluchtgeschichte) schwer auf dem Arbeitsmarkt hatten. Trotz ihrer hervorragender Fertigkeiten an der Nähmaschine.

Hauptbestandteil der gefertigten Accessoires und Interieurs ist post-consumer Jeansstoff.

Auch eine einseitige Käse-Brötchenernährung fällt aus, da das Preis-Leistungsverhältnis der Produkte absolut stimmig ist.

Begeistert von diesen Tatsachen fragte ich bei den Gründerinnen Constanze Klotz und Lotte Erhorn nach einem Interview-Termin und bekam prompt eine Einladung ins Wilhelmsburger Studio Stoffdeck, wo die Sachen produziert werden.

Lotte und Constanze sind zwei quirlige, smarte und schlagfertige Macher-Frauen.

So hüpfte Constanze für das Gespräch auf den Zuschneidetisch, schlug die Beine übereinander und fragte energiegeladen: „Geht’s los?!“

Aber klar doch!

The girlbosses Lotte Erhorn und Constanze Klotz
The girlbosses Lotte Erhorn und Constanze Klotz

 

Bridge&Tunnel bezeichnet sich ja als „Social Design Label“. Was bedeutet das überhaupt?

Wir versuchen bei Bridge&Tunnel viele Sachen zusammen bringen, die uns am Herzen liegen.

Ein Fokus liegt bei der lokalen Produktion in Hamburg. Gleichzeitig möchten wir nachhaltig mit Ressourcen umgehen und Menschen, die es schwerer haben im Leben eine Brücke zurück in den Arbeitsmarkt bauen. Alles in einem kurzen Satz zu erklären war relativ schwierig. Deshalb haben wir gesagt, wenn wir uns als „Social Design Label“ bezeichnen, versteht man am Schnellsten was sich dahinter versteckt. Nämlich das wir beide Seiten zusammenbringen: Also hochwertiges, professionelles Design, dass auf eine sozial faire und nachhaltige Art und Weise gefertigt wird.

Bei uns sind das Menschen aus dem Stadtteil Wilhelmsburg, die sehr gut nähen können aber keine Arbeit finden konnten.

 

Interessant finde ich persönlich immer die Geschichte hinter einem Projekt oder Unternehmen. Wie kam es dazu, dass du und Lotte gesagt habt „We design society“? Kommt ihr beide aus der Modebranche?

Ich bin Kulturwissenschaftlerin und habe lange in der Hamburger Stadtplanung mit Schnittstelle zur Kultur gearbeitet. Meine Partnerin in Crime Lotte ist Textildesignerin. In der Stadtplanung hatten wir vor knapp vier Jahren überlegt einen Coworking Space für Mode- und Textildesign in Wilhelmsburg auf die Beine zu stellen. Ich habe das Projekt damals mit konzipiert.

Aus der Idee wurde der Ort indem wir gerade sitzen – das Stoffdeck.

Nach einer Weile war klar, dass ich als Kulturwissenschaftlerin nicht eine Werkstatt für Mode und Textil allein leiten kann. Wir brauchten also jemanden, der sich um den operativen Betrieb kümmert. Lotte und ich kannten uns noch aus einem früheren Leben, also eher von Party und Co (lacht).

Ich habe einfach ein Stellengesuch auf Facebook geteilt und es kam original drei Minuten später eine Nachricht von Lotte „Liebe Conny, du suchst genau mich!“

Und so kam, was kommen sollte. Lotte war mit an Bord und seit 2013 leiten wir zusammen diesen Coworking Space. Du kannst dich im Stoffdeck einmieten, ähnlich wie beim Car Sharing, nur mit professionellen Nähmaschinen oder Siebdrucktischen und als junger Modemacher deine Aufträge stemmen. Zusätzlich haben wir noch vier Einzelateliers von Designern.

stoffdeck

Wir haben das Stoffdeck bewusst nach Wilhelmsburg geholt, weil wir finden, hier ist die Stadt noch so wunderschön unfertig! Es gibt viel Platz zum Denken, Leute die Bock haben was zu machen und deswegen war von Anfang an klar – hier sollen Profis kommen aber genauso auch Leute aus dem Stadtteil. Wir haben dann Kurse angeboten, wo z.B. Designer mit Langzeitarbeitslosen siebdrucken oder sich aus alten Textilien neue Produkte überlegen. Da haben wir gemerkt „Aha, das ist interessant, wenn sich diese beiden Welten begegnen.“

Und eine ganze Weile traf sich bei uns einmal die Woche ein deutsch-türkischer Nähclub. Sie  haben zwar manchmal ein totales Chaos veranstaltet aber wir und die Designer vor Ort standen nur fassungslos daneben, denn: Das sind Menschen, die von ihrem eigenen Hausgebrauch aus so gut nähen können und sie finden alle keinen Job. Da sagt man sich doch: Finde den Fehler!

Und so haben wir überlegt wie man diese tollen Sachen miteinander verbinden kann.

Letztendlich haben wir alles im wahrsten Sinne des Wortes miteinander vernäht.

Wir wissen es gibt professionelle Leute mit Expertise, die Sachen entwerfen können und wir wissen, um die Menschen im Stadtteil, die es nähen können und denen man eine Arbeitsperspektive geben kann. Zudem hatten wir schon immer ein enges Verhältnis mit der Kleiderkammer hier. Es gibt unfassbar große Ressourcen, um aus Altem etwas geiles Neues entstehen zu lassen.

 

Und Euer Name? Wie entstand der?

Wilhelmsburg ist eine Insel und man kommt nur durch den alten Elbtunnel oder eine Brücke in den Stadtteil. Das ist einfach ein tolles Bild, weil wir ja auch Brücken oder Tunnel bauen wollen, für Menschen, die es auf dem Arbeitsmarkt schwerer haben.

 

 Wie habt ihr letztendlich Euer Team gefunden?

Es war echt verrückt! Es gab auf der einen Seite eine enge Kooperation mit dem Jobcenter, die das Gesuch streuten. Auf der anderen Seite hatten wir einen großen Artikel im „Wilhelmsburger Wochenblatt“, dass die meisten Menschen, die hier leben lesen. Dort stand, dass wir Näherinnen suchen. Wir konnten sieben Stellen vergeben und es haben sich sechzig Leute bei uns gemeldet. Wochenlang stand das Telefon nicht still. Wir wussten überhaupt nicht wie uns geschah. Dann haben wir Probenähtermine veranstaltet, damit jeder sein Talent vorstellen kann. Wir luden die relevanten Bewerberinnen ein und sie haben Probe genäht. Danach haben wir ausgewählt: Wer kann qualitativ hochwertig nähen? Wer passt menschlich zu uns? Wer ist zeitlich verfügbar?

Ja, und jetzt haben wir ein tolles Team von sieben Frauen, die immer dienstags bis freitags von neun bis vierzehn Uhr produzieren.

Das ist also das soziale Feld. Du hattest vorhin über die Kleiderkammern und den nachhaltigen Aspekt gesprochen. Woher bekommt ihr Euer Material?

Mittlerweile ist es so, dass uns viele Leute ihre alte Jeanskleidung schicken. Sie schätzen es, dass ihre Jeans nicht in einen Container wandert, sondern dass echte neue Produkte daraus entstehen.

Und wir kaufen, wie auch Verwerter das tun, bei verschiedenen Stellen Alttextilien auf. Sogenannte Ausschussware. Das sind Jeans, die zu schlecht für den Weiterverkauf sind, weil sie etwa im Schritt kaputt sind oder ein Loch am Knie haben. Und natürlich möchte niemand beschädigte Kleidung kaufen. Normalerweise geht solch Ausschussware an Verwerter, bei denen die Stoffe dann gehäckselt weren. Das Material wird anschließend z.B. als Füllstoff für Sofas verwendet. Und genauso wie der Verwerter kaufen wir diese „vermeintlichen“ Reste auf und machen unsere Designs daraus.

 

Ah ja, die Designs. Erläutere doch einmal kurz: Was entwerft und fertig ihr bei Bridge&Tunnel?

Da bei uns nur Unikate hergestellt werden, haben wir uns auf Accessoires und Interieur spezialisiert. Accessoires sind in unserem Fall wie hier (zeigt das Modell Jasvir, das neben uns liegt) ein wunderschöner Rucksack im urbanen Style mit Roll Up. Denim ist dafür ein hervorragendes Material. Es ist ja relativ umweltschädlich in der Herstellung, weil z.B. wahnsinnig viel Wasser verbraucht wird (Anm.d.Red. Buchtipps zum Thema findet ihr unten im meinem „Baumwolle“ Beitrag). Aber Jeansstoff ist auch wahnsinnig langlebig und sehr robust. Das kombinieren wir mit Leder.

Es gibt weiterhin eine Damentasche, einen Shopper, ein Laptopsleeve und eine Clutch. Für den Interieur-Bereich fertigen wir ein Teppich-Modell. Das ist wahnsinnig aufwendig von der Herstellung. Jeans wird in dünne Streifen geschnitten und geflochten. Dann wird es am Ende aufgerollt wie eine Lakritzschnecke. Dadurch kann man den Teppich in der Größe variieren.

Außerdem haben wir einen Sitzpouf entwickelt, den man als kuscheliges Sitzkissen für Kinder aber auch in der sportlichen Variante als Yoga-Kissen verwenden kann.

Uhh fancy! Nicht schlecht! Ich habe gelesen, dass ihr angefangen habt andere Designer mit ins Boot zu holen.

Also die ersten Designs, der Shopper und die Damentasche, mit denen wir gestartet sind, hat die dänische Designerin Signe Bonnesen für uns entworfen. Für uns ist es aber vor allem wichtig, dass Lotte eng am Design mitarbeitet, weil wir ausbalancieren müssen zwischen „Was stellen wir uns für ein Endprodukt vor“ und „Was kann das Team tatsächlich fertigen“.

Auch wenn die Frauen bei uns super gut nähen können, ist es immer eine Gradwanderung zwischen Design und Fertigung. Daher macht Lotte verstärkt das Design. Und wir sind natürlich selbst unsere besten Kunden und entwerfen nur Sachen, die wir sofort tragen und verwenden würden (lacht). Aber im Oktober und auch in den kommenden Kollektionen werden wir mit anderen Designern für ausgewählte Stücke zusammen arbeiten.

 

Ihr seid ja ein sehr junges Label. Was ist dein erstes Resümee für Bridge&Tunnel ?

Alles in allem ein total Großartiges. Es ist wahnsinnig viel Arbeit, aber Arbeit die mordsmäßig Spaß macht.

Man verbringt ja so viel Zeit seiner Lebenszeit mit Arbeit und Lotte und ich scherzen schon immer „Eigentlich sind wir miteinander verheiratet“. Deshalb finde ich es aber auch umso wichtiger, dass das, was man macht sinnvoll ist. Und ich habe das Gefühl, dass uns das mit Bridge&Tunnel gelingt. Es ist relativ anspruchsvoll nicht nur über Soziale Unternehmen zu reden, sondern tatsächlich ein Social Entrepreneurship zu gründen, weil man täglich den Spagat zwischen zwei Welten machen muss.

Wir wollen soziale und nachhaltige Themen bewegen aber das gelingt nur mit Produkten, die auch am Markt funktionieren. Diese beiden Welten sind in der Wirklichkeit leider nicht wirklich nah bei einander. Wir haben zum Glück ein tolles Sponsoring mit einem Großunternehmen, dass bald heraus kommt, und einen tollen Privatinvestor gefunden, der an unsere Idee glaubt, weil sie eben auch unternehmerisch ist. Sie begleiten uns sozusagen. Es war wahnsinnig aufwendig die Finanzierung zu stemmen. Die tägliche Arbeit hier zeigt uns aber, dass sich der Aufwand sowas von lohnt!

Als ich die ersten Tage von Bridge&Tunnel morgens ins Atelier kam und sah unsere sieben fleißigen Bienchen sitzen, habe ich fast einen Herzinfakt vor Freude bekommen.

 

rucksack-illustration

Eure Wünsche für die Zukunft?

Wir wünschen uns natürlich sehr, dass wir uns irgendwann aus eigener Kraft tragen können und als Social Entrepreneurship nicht mehr angewiesen sind auf Förderung von außen. Das dauert eine ganze Weile bei Sozialunternehmen. Ein paar Jahre werden wir wohl weiterhin gute Kooperationen eingehen, wozu wir aber auch Lust haben.

Dann wollen wir noch viel mehr zeigen, was man aus vermeintlichen Resten für unglaublich schöne neue Endprodukte fertigen kann. Und wir möchten unser Team vergrößern.

In Wilhelmsburg gibt es einige Flüchtlingsunterkünfte. Es lag für uns auf der Hand das Thema mitzudenken. Im schlechtesten Fall geht es den Menschen so wie vielen anderen hier. Man wohnt schon jahrelang in Deutschland aber bekommt keinen Fuß in den Arbeitsmarkt und damit auch nicht in die Gesellschaft. Um frühzeitig dagegen zu arbeiten, bieten wir ein Praktikum für Menschen mit Fluchtgeschichte an. Deshalb werden wir jetzt noch einmal ein paar große Probenähtermine veranstalten (Anm.d.Red. – Mehr dazu erfahrt ihr hier).

 

Durch Euer Konzept mit den ausrangierten Stoffen wird jedes angefertigte Stück automatisch ein Unikat. Kannst du mir etwas über Eure Arbeitsweise erzählen?

Lotte macht das Design. Dann entscheiden wir zusammen „Okay, das Model besteht aus zwei unterschiedlichen Denim-Stoffen und Reißverschlussfarben“. Wenn die Materialien bei uns ankommen, wird erst einmal fleißig sortiert. Wir können zum Beispiel keine Jeans verwenden, die mehr als zwei Prozent Elasthan hat. Das eignet sich nicht für die Fertigung. Weil viele Jeans mit Stretch-Anteil gefertigt werden, schließt das schon einen großen Teil der Ware für die Weiterverwertung aus. Nach der Sortierung geht es an die Farbzusammenstellung. Diese ist ziemlich entscheidend für die Produkte. Wir reden dann im Team darüber, wie wir die Stoffe zusammenstellen wollen. Unsere beiden Anleiterinnen Mariola und Asiye stellen daraus die einzelnen Teile für die jeweiligen Taschen zusammen. Danach geht es in die Produktion zu unseren Näherinnen, die diese dann fertigen.

 

 Prima. Dann schaue ich mich mir das gleich einmal an. Lieben Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg!

Ich schaute nach dem Gespräch dem Team noch eine Weile bei der Fertigung über die Schulter. Was mir auffiel

  • Eine sehr angenehmes, freundliches Miteinander
  • Professionelles und konzentriertes Arbeiten
  • Strenge Qualitätsauswahl der verwendeten post-consumer-Stoffe
  • Voller Kühlschrank mit allerlei mitgebrachter Leckereien

Die kompletten Kollektionen findet ihr übrigens hier

laptopsleevesAb Sonntag könnt ihr Euch selbst überzeugen, wie schön die Bridge&Tunnel Kollektion ist und ein Laptopsleeve gewinnen. Hier findet ihr den Beitrag dazu

Das Gewinnspiel läuft vom 02.10. bis 08.10. und es wird klassisch per Los der oder die Glückliche ermittelt.

P.S.: Einen Dank auch noch einmal an Katharina, die so ein tolles Model war!

 

FRidedanke

 

 

 

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