Fair, ja fair, sind alle meine Kleider…? Teil 1- Baumwolle

Baumwolle und ihr Anbau  am Beispiel Usbekistan

 

Als modeaffiner Mensch hört und liest man immer häufiger Begriffe wie Fair FashionEthical Fashion, Eco Fashion, Green Fashion oder Sustainable Fashion.

 

Doch was beinhalten diese Bezeichnungen überhaupt?

Handelt es sich lediglich um weitere Marketing-Worthülsen wie Nachhaltigkeit, ressourcenschonend und umweltfreundlich. Diese Termini scheinen den Konzerne etlicher Branchen heutzutage ja ein großes Anliegen zu sein.

Ob dem wirklich so ist, sei einmal dahingestellt.

 

Streng betrachtet: Eine vollständige Nachhaltigkeit wird erreicht, wenn überhaupt nichts mehr produziert wird. Und wir leben nun einmal in einem kapitalistischen System, indem für Firmen nur eins zu gelten scheint:

Also

 

Was bedeutet faire und/oder ökologische Mode überhaupt?

Und ist sie überhaupt möglich?

Die Produktionskette bis zum fertigen Kleidungsstück ist schließlich lang.

Korrekt genommen hört doch green schon auf, wenn Sachen über den Ozean verschifft werden, oder?

Geht es nicht einfach nur wieder darum sich ein gutes Gewissen zu (er)kaufen?

Fragen über Fragen in einem weitem Feld. Und wie sich dem nähern?

 

Freund Zufall half. Ich las in den sozialen Netzwerken von einem Themenabend der Leipziger Lokalgruppe des globalen Studentennetzwerks oikos. Die Organisation versucht mit diversen Veranstaltungen und Projekten ein Bewusstsein für einen umfassenden Wandel hin zu einer nachhaltigen Gesellschaft zu schaffen.

Mit initiiert wurde das Ganze in Zusammenarbeit mit sargart, einen Verein, den ich bis dato nicht kannte.  Die Gruppe internationaler Künstler in Leipzig beschäftigt sich seit einiger Zeit ebenfalls mit nachhaltiger Entwicklung und dem Thema Fair Trade, vor allem im Bereich Kunst und Bildung

 

Klangvoller Titel der Veranstaltung:

Der Staat und die Baumwollmonokultur in Usbekistan: Auswirkungen auf Gesellschaft und Umwelt.

(Themenreihe: oikos.dippt)

 

Mein erster Gedanke: Na klar! Warum nicht gleich mit dem Urschleim anfangen?! Den Rohstoffen.

Nichts wie hin also.

Oikos dippt.themenabend(e) - Wissens/Nahrung

Zusammenfassend zu dem Abend sei gesagt:

Danach war ich um einiges wissensreicher und desillusionierter. Weitere Recherchetage in der Bibliothek brachten noch mehr Ernüchterung.

Hier eine kleine Einführung und Überblick zum Baumwollanbau am Beispiel Usbekistan.

 

Was ist Baumwolle überhaupt?

 

Baumwolle zählt wie auch Hanf, Leinen oder Jute zu den pflanzlichen Naturfasern und besteht hauptsächlich aus Cellulose. Der Name ist vermutlich auf das an Wolle erinnernde Aussehen zurückzuführen. In Wirklichkeit handelt es sich um Samenhaare.

Nur zur Veranschauung. :) Modell made by FRide
Nur zur Veranschauung. Modell made by FRide

Zudem ist die Pflanze kein Baum, sondern zählt zu den Malvengewächsen (Unterfamilie der Hibiskusgewächse).

Sie wächst als einjährige Staude und wird bis zu 2m hoch. Die Blüten der Pflanze bilden nussgroße Kapseln, die bei Reife aufspringen. In den Kapseln befinden sich Samen, die von bis zu 7000 weißen Haaren umhüllt werden. Bei der Ernte werden diese von den Samen getrennt und später weiterverarbeitet.

 

Naturfaser Nummer eins in der Bekleidungsindustrie wurde die Baumwolle vor allem wegen ihrer vielen positiven Eigenschaften.

Angenehmes, weiches und leichtes Tragegefühl schätzen wir als Nutzer.

Schwitzen nimmt uns der Stoff nicht übel, da Baumwolle wasser- und feuchtigkeitsbeständig ist. Unkompliziert in der Reinigung ist sie im Gegenzug zu z.B. Leinen oder Seide auch. Kochen, bügeln, nass zurechtdehnen  – alles kein Problem. Dies macht sie ebenso für die Hersteller attraktiv. Denn die Fasern lassen durch ihre Dehnbarkeit eine einfachere maschinelle Verarbeitung zu als etwa Hanf oder Flachs. Des Weiteren nimmt Baumwolle Farbe problemlos an und behält diese auch.

Angetan ist die Baumwollpflanze von heißem Klima bei feuchten Böden mit möglichst wenig Niederschlag. „Das sind ja gleich drei Dinge auf einmal. Das geht nun wirklich nicht!“

Doch, das muss gehen.

Halt nur zu welchem Preis? Denn mengenmäßig ist und bleibt Baumwolle der wichtigste Naturfaserstoff in der Bekleidungsindustrie. Und damit fängt das Elend an…

 

Probleme, die der Baumwollanbau mit sich bringt

 

Baumwollgewebe sind langlebige Stoffe, was sie im Grunde zu einem nachhaltigen Produkt macht.

 

Die Realität

Immer mehr, immer schneller neueste Trends propagieren und in Kollektionen umsetzen. Immer mehr, immer schneller neue „Teile“ für den Kleiderschrank (und oftmals wirklich nur für den) erwerben.

Schlagjeans folgt auf Mom Jeans folgt auf Coulette folgt auf Röhrenjeans folgt auf…

Nahezu jeden Monat wird ein neuer Trend in den Fachzeitschriften und Medien beworben.

Eine trendbewusste Frau sollte doch unbedingt im Kleiderschrank T-Shirts in blau, grün, glitzer, beige, weiß (mehrere), mit Streifen gepunktet, V-Ausschnitt, Rundausschnitt,…

Ach, lassen wir das.

 

Zu den großen Anbauländern von Baumwolle zählen u.a. die USA, Indien, China, Ägypten, Zentralasien (Usbekistan, Turkmenistan, Tadschikistan) sowie Australien, Israel, Peru, Brasilien und Pakistan.

Die weltweite Produktion von Baumwolle hat sich in den letzten Jahrzehnten nahezu verdoppelt, trotz dem zunehmenden Einsatz von neu entwickelten Chemiefasern. Dennoch wurden die Anbauflächen nur marginal vergrößert.

Gesteigert werden konnte der Anbau durch folgende Faktoren

Da Baumwolle relativ anfällig für Schädlinge ist, wird oftmals bereits schon die Saat mit Quecksilberverbindungen gebeizt, um sie vor Pilz- und Bakterienbefall zu schützen.

In einigen Anbaugebieten, wie etwa Afrika, werden die Sträucher bis zur Ernte bis zu 25 Mal gespritzt. Nicht nur für die Böden und das Grundwasser, sondern auch für die Menschen, die das Gift auftragen eine Katastrophe.

Bei der maschinellen Ernte kommen darüber hinaus Herbizide zum Einsatz, die ein frühzeitiges Verwelken und Ausreifen von unreifen Kapseln beschleunigen.

Im Laufe der Zeit bildeten etliche Schädlingsinsekten Resistenzen, da durch den Einsatz der unterschiedlichen Gifte auch deren natürlichen Feinde eliminiert worden.

Die ertragreichere Genbaumwolle steht obendrein im Verdacht, dass natürliche Schädling-Feind-Gleichgewicht zu stören.

Zur Anschauung: In Indien etwa werden etwa 99 Prozent Genpflanzen angebaut

 

Und dann ist da das Thema Wasser.

Durch die nötige künstliche Bewässerung in trockenen Gebieten geschieht folgendes:

Der Grundwasserspiegel sinkt und lässt die Böden versalzen

Es kommt zu einer Versteppung vieler Gebiete.

Ach ja, und nach der Trennung der Haare von den Kapseln werden diese nicht etwa umweltschonender in Juteverpackungen verfrachtet, sondern mittlerweile zusammen gepresst in Folie verpackt.

 

Die Situation am Beispiel von Usbekistan

 

Das (augenscheinlich) Gute: Dort gibt es noch echte Handarbeit! Also kein Einsatz von Entlaubungsmitteln und dadurch eine deutlich bessere Qualität, da ausschließlich reife Kapseln geerntet werden.

Baumwollpflücker erhalten allerdings einen Lohn, der kaum zum Leben reicht (laut dem Vortrag bei oikos etwa 6 CENT pro Kilo).

In Usbekistan werden zur Erntezeit fast die gesamte Bevölkerung, also auch Frauen, Alte und Kinder, miteinbezogen. Zwischen September bis November dreht sich das Leben in dem Land komplett um die Baumwollernte. Schulen, Universitäten sind leer. (Krankenhäuser, öffentliche Einrichtungen und Behörden arbeiten nur mit halber Mann/Frauenpower.)

Schüler und Studenten schuften dabei noch billiger, nämlich für nichts. Die Bezahlung für die mehrmonatige Arbeit fällt einfach aus.

Eine Entlastung für die Usbeken gibt es nicht. Schließlich lebt der Staat als drittgrößter Importeur vom Baumwoll-Verkauf und der Rohstoff ist die wichtigste Einkommensquelle.

 

Die Arbeitsbedingungen

 

Freie Marktwirtschaft existiert in Usbekistan nicht. Das Geschäft mit der Baumwolle liegt fest in staatlicher Hand. Warenpreis und der Anbau der Menge werden von ihm festgelegt. Lediglich den Grund vermietet man an private Farmer. Dennoch müssen die Landwirte, welche ohnehin nur einen geringen Teilpreis des Betrags auf dem Weltmarkt erhalten, die Ernte selbst organisieren. Sprich: Anfahrt der zahlreichen „Helfer“, Unterkunft und Verpflegung.

Oft sind die Unterkünfte ohne Heizung und ausreichenden Sanitäranlagen.

Das tägliche Soll liegt bei etwa 60 Kilo Samenhaare. Geht mal ins Bad und haltet Eure Abschminkpads hoch, dann könnt ihr Euch in etwa die Relation vorstellen, was dort geleistet wird. (Addiert aber bitte noch scharfe Kanten von Blättern, Hitze, Kälte und Schmutz hinzu.) Und zwar Wochenlang. Bis zu zwölf Stunden am Tag.

Selbst bei Erkältung oder anderen Erkrankungen bleibt die Pflicht zur Arbeit und Erfüllung des Solls.

Eine Arbeitsverweigerung kann weitreichende Konsequenzen für denjenigen und seine Familie (Schul-u./o. Universitätsausschluss, Entlassung etc.) nach sich ziehen.

 

Die Folgen für die Natur in Usbekistan

 

Wie oben bereits angeführt, sorgt der immense Wasserbedarf der Pflanze für irreversible Schäden an der Natur.

In Usbekistan herrscht Kontinentalklima. Sprich: Heiße Sommer und kalte Winter. Wüste und Steppe bilden weite Teile der Region.

Für eine Kulturpflanze, die viel Wasser benötigt nicht gerade die ideale Voraussetzung.

Künstliche Bewässerungssysteme lassen den Grundwasserspiegel sinken. Die Böden trocken aus und versalzen. Mittlerweile sind dadurch große Teile der Fläche nicht mehr für den Anbau nutzbar.

Und nicht nur die Böden betrifft die Versteppung und Versalzung.

Das angelegte Bewässerungssystem bezieht sein Wasser aus den Zuflüssen des Aralsees. Einstmals viertgrößter Binnensee der Erde hat der Aral heute nicht mal mehr ein Drittel seiner Ursprungsgröße. Zahlreiche Fischarten sind verschwunden.

Die Austrocknung des Aralsees wird größtenteils auf die Bewässerung der Plantagen zurückgeführt.

Und nun?

 

Lösungen?

 

Eines der Mankos im Wesen des Menschen: Umdenken und Änderung der Handlungsweisen erfolgt oftmals erst nach dem Prinzip „Uppsi, jetzt ist es ja eigentlich schon zu spät.“ (fragt mal meine Bronchien, die ich bis Mitte zwanzig mit Tabak und Co. arg gebeutelt habe und die sich irgendwann mit Asthma gerächt haben. Jaja, und bitte jetzt keine Vorträge. Mit den eventuellen weiteren Langzeitfolgen beschäftigen sich bereits meine Alpträume.)

Bisherige Ansätze
Boykott der Firmen

Einige große Firmen wie H&M, Walmart oder C&A unterzeichneten vor einigen Jahren ein Boykott gegen Usbekistan auf Grund der katastrophalen Arbeitsbedingungen und der Kinderarbeit. Ob Boykotte allerdings etwas bringen, bleibt fraglich. Denn die Textilfirmen haben auch wiederum Zulieferer. Bevor die Fasern überhaupt in der Näherei landen, werden sie in Spinnereien und dann in Webereien zu Fäden und Stoffen verarbeitet. Hundertprozentig alle Schritte zu kontrollieren ist selbst für Großkonzerne schwierig zu kontrollieren. Eine transparente Produktions- und Lieferkette damit schwer realisierbar.

Außerdem: Usbekistan ist als reines Exportland komplett finanziell abhängig vom Baumwollhandel. Und ein externer privater Anbau von Firmen ist durch die Verstaatlichung nicht möglich. Es müssten also Alternativen geschaffen werden. Nur welche?

 

Anbau ohne Dünger und Gifte

Die Erträge bei Biobaumwolle liegen zwar um zehn Prozent niedriger als der vom konventionellen Anbau, dafür sparen die Landwirte erheblich an Kosten durch den Verzicht an Chemikalien (2015 wurden allerdings etwa in Indien lediglich 0,6% der Flächen für Bioanbau genutzt).

Und natürlich bedeuten weniger giftige Stoffe auf dem Acker auch die Schonung der Umwelt und weniger gesundheitliche Schäden für die Bauern und ihrer Familien.

Allerdings gelten für den Begriff bio im Textilbereich keine so strengen Vorschriften wie bei Lebensmitteln. Bio-Baumwolle kann folglich auch genveränderte Baumwolle enthalten.

 

Wie ihr bereits in meiner knappen Einführung bereits erahnen könnt, gibt es mehr Fragen und Probleme als Antworten.

Auch wir hatten an dem Abend des Vortrags über mögliche Lösungsansätze diskutiert. Ohne wirkliches Ergebnis.

(Allerdings erreichten die usbekischen Mitwirkenden von sagart beim Themenabend mit ihrer herzlichen Ausstrahlung und der mitreißenden Schilderung ihrer alten Heimat, dass ich seitdem eine Zentralasien-Tour ernsthaft in Erwägung ziehe. Wer mag mit?!)

Es wäre schön, wenn wir alle weniger Klamotten konsumieren und/oder Second Hand kaufen oder tauschen aber was bringt das den Menschen überhaupt, die davon leben? Das frage ich mich oft.

Ich bin nämlich gern bereit für Klasse statt Masse mehr für ein Kleidungsstück zu bezahlen, wenn ich weiß, dass ich dem Label vertrauen kann.


So, dies war der erste Fridensbeitrag.

Ans Leseherz legen kann ich euch unbedingt folgende Bücher legen, die mir bei der Recherche sehr geholfen haben.

Quellen für diesen Beitrag
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Übermorgen gibt es dann das erste Breakfast at.

2 thoughts on “Fair, ja fair, sind alle meine Kleider…? Teil 1- Baumwolle

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